Der Begriff läuft einem gerade überall über den Weg: Second Brain. Oder auch Digital Twin im KI-Zusammenhang.
Ich finde "Second Brain" ehrlich gesagt einen schlimmen Begriff. Er impliziert nämlich genau das Falsche: Wir haben unser erstes Gehirn als Unternehmen, und jetzt bauen wir für die KI-Welt noch ein zweites daneben. Und dann müssen die beiden irgendwie verbunden und synchron gehalten werden.
Und genau da fängt das Problem an.
Was Organisationen brauchen, ist kein zweites Gehirn, kein weiteres “System of Records", keine weitere Komplexität, sondern ein vernünftiges “First Brain”. Eines, das aktuell ist. Das korrekte, saubere Daten hat. Das gepflegt wird, wo Altes rausfliegt. Eine Source of Truth eben.
Wer stattdessen ein zweites System daneben stellt, hat ab Tag eins zwei Wahrheiten, einen Sync-Prozess und die Frage, welche Version denn jetzt stimmt. Kraut und Rüben statt Klarheit.
Beim Digital Twin ist es ähnlich. Der Begriff kommt eigentlich aus einer ganz anderen Ecke, aus der Industrie, und stiftet im Kontext von Wissensdatenbanken vor allem Verwirrung.
Der bessere gedankliche Ansatz: die KI-Drehscheibe

Statt eines zweiten Gehirns denke ich lieber an eine Drehscheibe. Die Daten bleiben, wo sie sind, im CRM, im Projektmanagement, in der Ablage, im Data Warehouse. Keine Dopplung, kein Sync, keine zweite Wahrheit.
Angeschlossen werden diese Systeme an eine zentrale Schicht. Die kann aus einem internen MCP-Server bestehen, den ich dann in verschiedene Umgebungen einbinde. Oder zusätzlich aus einer internen Web-App, über die ich auf Daten und Tools zugreife.
Und ganz wichtig: Governance und Zugriff gehören in diese Drehscheibe. Jeder Nutzer behält seine Berechtigungen über alle Tools hinweg. Jeder sieht genau das, was mit dem Account auch im jeweiligen Tool gesehen und bearbeitet werden darf.
Und wo arbeite ich dann damit als Nutzer?
Idealerweise dort, wo ich sowieso schon bin. Im KI-Assistenten wie ChatGPT oder Claude über den MCP-Server als Connector. Im Coding Agent. Im internen Chat, also Slack oder Teams. Oder in der Web-App im Browser.
Der Vorteil dieser Sicht: Ich muss kein separates System bauen, in dem die Daten nochmal liegen. Nichts synchronisieren. Keine anderen Zahlen links als rechts.
Und dass es in der Praxis umgesetzt werden kann, zeigt OMR aus Hamburg. Meine Darstellung ist an ihre angelehnt. Sie nennen das Ganze intern "AI OS", hier ein spannender LinkedIn-Post darüber.
In der Praxis heisst das aber auch: Der wichtigste Hebel ist selten die KI-Schicht, sondern die Vorarbeit. Welche Systeme sind überhaupt in einem Zustand, dass man sie anschliessen will? Wo liegt Wissen doppelt? Was ist veraltet?
Also zusammengefasst: kein zweites Gehirn bauen, sondern das erste in Ordnung bringen.
Wichtige News der letzten Tage
🕵️ Mein Kunde, der Hacker
Verrückte Story aus Australien: Jemand hat seinen Agent auf die Buchungsseite eines Fitnessstudios losgelassen. Der Agent hat sich in eine eigentlich geschlossene Warteliste eingetragen, dabei jemand anderen rausgekickt und den eigenen Namen reingeschrieben.
Nicht beauftragt. Der Agent hat einfach entschieden, dass das der effizienteste Weg zum Ziel ist.
Bisher haben wir bei Systemsicherheit an böswillige Angreifer gedacht, die etwas stehlen oder erpressen wollen. Jetzt kommt eine neue Kategorie dazu: völlig normale Kunden-Agents, die einfach nur schnell ans Ziel wollen und dabei Wege nehmen, an die bisher niemand gedacht hat.
📊 KI überholt Social Media in der Kaufberatung
Der Digimonitor der IGEM zeigt für die Schweiz einen ziemlich steilen Sprung: Von 15 % im Jahr 2025 auf 39 % in 2026 lassen sich beim Einkauf von KI beraten.
Damit liegt KI auf Augenhöhe mit YouTube (40 %) und zieht an Social Media (36 %) vorbei. Innerhalb eines Jahres.
Für alle, die Produkte verkaufen: Die Frage ist nicht mehr, ob KI ein Kanal ist. Sondern ob deine Produktinfos so aufbereitet sind, dass eine KI sie überhaupt sauber wiedergeben kann.

🌐 ChatGPT unterstützt jetzt WebMCP
Relevant für alle, die eine Website mit irgendeiner Funktionalität betreiben.
Kurz erklärt: WebMCP ist ein Webstandard, über den eine Website per Code hinterlegt, welche Funktionen sie einem Agent anbietet. Bisher mussten Agents Screenshots machen, raten und irgendwie klicken. Jetzt kann die Website mit dem Agent direkt interagieren.
Google und Microsoft treiben den Standard aktiv voran, in der neuen Chrome-Version ist es bereits integriert. Und jetzt zieht ChatGPT nach.
Für mich ist WebMCP eine Brückentechnologie. Wir kommen von einer Welt, in der Nutzer auf Websites gehen, und bewegen uns auf eine zu, in der Agents direkt mit Backends sprechen. WebMCP ist der Zwischenschritt, bei dem die Website bestehen bleibt, aber agentenfähig wird.
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🎨 "Human Slop" Gedanken

Bei dem Cartoon musste ich erst lachen. Und dann kurz nachdenken.
Denn irgendwann kommt der Moment, wo eine KI meinen Input als zu unstrukturiert, zu unlogisch, zu ineffizient bewertet. Bisher war die Rollenverteilung klar, ich bewerte den Output. Der umgekehrte Fall ist gar nicht so weit weg.
Spannender finde ich aber die zweite Frage: Was passiert, wenn KI systematisch abstraft, was nicht in ihre Systematik passt? Geschmack, Emotion, Irrationalität sind nun mal ein grosser Teil von dem, was wir Alltag nennen. Und die Anpassung läuft vermutlich in unsere Richtung. Wer öfter hört, sein Input sei zu vage, formuliert irgendwann anders. Vielleicht klarer. Vielleicht nur systemkonformer.
Aber gut. Lachen wir erst mal.
In diesem Sinne: Ein Gehirn reicht, wenn es gepflegt ist.
Leon
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